Titelbild
Sun and moon are guiding my way, Low and high tide are playing with me. I push the sail while I go with © hb

Kapitel Elf

Gemächlich rollt Schwarz am Zug über die Gleise, und setzt, seinem Namena entsprechend, die herrliche Opfer- kaskade in Gang. Eingestiegen in King Street überquere ich mit industrieller Sicherheit die kanadische Grenze während dichter Nebel die Sicht auf den pazifischen Ozean auf wenige Meter beschränkt. Welche Opfer ich in diesem Schlagabtausch hinnehmen musste, kann ich nicht sagen, da ich nicht weiß wie viele meiner Figuren sich vorher und nachher auf dem Brett befanden. Dass ich trotz nicht vorzeigbaren Letter of Invitation ungeschoren die Zollkontrolle passieren darf, sehe ich als Zeichen einer guten Partie, die kommenden Monate bezeugen jedoch eher ein Schachmatt in wenigen Zügen: schwarzer Läufer auf Tofino, aber der Turm pariert den Bauern, der die Dame vor einer möglichen Bedrohung schützt. Mit Qh4 versucht die schwarze Dame Druck zu erzeugen, doch wird dieser törichte Aufschrei mit einer Rochade verstummt. Vielleicht hätte die Dame die Partie gewinnen können, doch Weiß führt sie mit König und Pferd auf die falsche Spur.

Ich hadere mit dem Ausgang, jete Unkraut im botanischen Garten für mein Haus am See, bediene im Café Tuff Beans und realisiere, dass einzig taffe an Tofino aka Tuff City ist die Dame, die geschlagen werden möchte um sich als Fremder zu routinieren. Da ich kein freistehendes Pferd habe, bedauere ich aufrichtig die Hippies in Poole's Landb und weniger die Gastarbeiter in ihren Baracken, währendessen sich ein kleiner Kreis eine goldene Nase verdient.
Ich nutze aber meine Freizeit um im Skatepark meine Skills zu verbessern und im botanischen Garten Lieder einzustudieren. Außerdem arbeite ich als KfZ-Mechaniker und repariere den Vergaser eines, mit Flüssiggas angetriebenen, Chevrolet B50 Blue Bird. Ich schwimme im kalten Ozean, beherbege meinen kleinen Bruder für zwei Wochen und zu guter Letzt bekomme ich von Baku einen Flug zu den heißen Quellenc spendiert. Vier Monate nach meiner Ankunft in Kanada, ziehe ich im Sommer 2016 zurück nach Deutschland, wo mich mein großer Bruder mit seiner hochschwangeren Freundin erwartet.

Der Prediger suchte, dass er fände angenehme Worte und schriebe recht die Worte der Wahrheit” Prediger 12,10

Man könnte meinen, mit solchen Geschick ist man eine willkommen Arbeitskraft, doch kann ich meine Fähigkeiten nicht ausweisen und fühle mich wie ein Stein im Getriebe oder besser: wie ein syrischer Flüchtling.
Um meine Absicht für einen längeren Aufenthalt zu bezeugen, besuche ich meine ehemalige Universität, kaufe einen 1994er VW Transporter und arbeite für meinen Vaterd. Doch die Zeiten bleiben harsch, eine missglückte Flüchtlingspolitik ist Brennstoff für frustrierte Nazis und bietet wenig Spielraum für ausgefallene Lebensmodelle. Zum Glück bekomme ich Besuch von einer Gleichgesinnten, ihr Name ist Forrest und gemeinsam brechen wir im November in Richtung Süden auf. Wir fahren im Transporter - nachträglich liebevoll Tortugo getauft - bis Spanien und überqueren von Tarifa aus die Meeresenge bei Gibraltar und gelangen nach Marokko.
Obwohl ich nach eigenhändigen Wechsel des Zahnriemens jeder Zeit mit einem technischen Defekt Tortugo's rechne, lässt er uns nicht im Stich, ganz im Gegenteil übersehe ich ein Stopschild im Kreisverkehr in Essaoueira und ramme einen Linienbus in seine linke Flanke. Wir kommen alle mit einem großen Schrecken davon, außer Tortugo, dessen rechter Kotflügel eingedrückt, der Schweinwerfer und Blinker aus der Verankerung gerissen ist und die Stoßstange nur noch an der linken Seite hängt. Zumindest der Motor hat keinen Schaden abbekommen und nachdem beide am Unfall beteiligten Parteien einen Verzicht auf Schadensersatz unterschrieben haben, ist mein Abenteuerdurst für das Erste gestillt und meine größte Sorge ist die bevorstehende Heimreise. Ich bringe Tortugo zu einer Autowerkstatt und verabschiede Forrest, eine vorhergesehene Trennung, hatte sie doch schon den Flug nach Australien gebucht. Zwei Tage später trete ich selber den Heimweg an und gelange ohne weitere Vorkomnisse aber stark gebeutelt in Deutschland an. Nach einigen Monaten Harz IV und Stall ausmisten bekomme ich eine Stelle als Monteur angeboten und installiere vortan Photovoltaikmodule oder pflege den Rasen in bereits vorhanden Solarkraftwerken.

Pünktlich im Sommer übermittelt mir meine Zeitarbeitsfirma einen Einsatzauftrag im Betonwerk. Ohnehin bereits davon überzeugt, dass eine Ausbildung unumgänglich ist, kündige ich und beginne 2017 eine Ausbildung zum staatlich geprüften Designer für Schmuck und Gerät am Berufskolleg in Schwäbisch Gmünd.
Der Unterricht ist zu Weilen erniedrigend und trotz des kreativen Potenzials größtenteils stupide und einschränkend. Nach einem Monat Sägen und Feilen fahre ich nach Aachen und studiere angewandte und molekulare Biotechnologie. Die Einführung lässt aber Bösese erahnen, die Wohnungssuche gestaltet sich bekanntlich schwierig, ich wünsche keinen Anschluss und nach einer Woche bin ich wieder zurück im Berufskolleg. Im Werkstattunterricht werden meine Entwürfe willkürlich manipuliert, und nachdem ich bereits vor drei Jahren die Relativitätstheorie herleiten konnte, berechne ich in Mathe den Flächeninhalt eines Vierecks. Englisch ist kein Deut besser und in Gemeinschafts- und Sozialkunde lernen wir auf vier Ebenen zu kommunizieren und Mahnbescheide zu ignorieren. Meine erste Wohnung hatte ich gekündigt, ich übernachte eine Woche im Auto aber mein syrischer Mitschüler gibt mir Obdach bis ich eine Woche später eine WG gründe. Der erste Mitbewohner ist Psychologe im Frauenknast, der zweite wurde neulich aus der Geschlossenen entlassen, der Vater von Murat ist ehemaliger Kindersoldat, ich denke, so muss sich Hitler im Männerwohnheim gefühlt haben. Tatsächlich hätte ich allen Grund gehabt zum Hitler zu werden, dafür fühlt sich alles viel zu gescriptet an: Die Totesanzeige eines Interessenten erscheint kurz nachdem er den Mietvertrag hätte unterschreiben sollen. Meine Klassenlehrerin, die einzigste Lehrerin, die mir tatsächlich sympathisch erscheint, fehlt plötzlich gesundheitsbedingt, ihr Vertretungslehrer gibt rudimentären Zeichenunterricht quer durch die Bank und brüllt mich im persönlichen Gespräch an. Ich rege mich nicht auf, könnte so einen Hals bekommen, rege mich aber nicht auf! Dagegen ziehe ich nach Leipzig, arbeite für ein halbes Jahr im Callcenter und ziehe im neuen Jahrf nach Nepal.
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